Okay zu sein, nicht okay zu sein

The struggle is real war unser Thema im November 2019 bei Ladies, Wine & Design Cologne mit der Designerin Parissa Charghi.

»Being a human being sometimes sucks / being a designer* sometimes too.« — Parissa Charghi

Es geht darum Verletzlichkeit zuzulassen, sich Fehler zu erlauben, auch mal wütend zu sein und trotzdem oder gerade deswegen okay zu sein.

Ein Thema, dass mich in diesem Jahr ganz besonders beschäftigt. Kurz gesagt, ich hatte viel vor, vieles davon ist eingetroffen, aber noch viel mehr nicht. Einfach, weil das Leben dazwischen kam. Es hat mich privat getroffen und das so richtig. Über Monate wollte ich mir das nicht eingestehen, hin und wieder ein wenig, nie hundert Prozent. Ich wollte stark sein, einfach weitermachen, die Arbeit war auch eine schöne Ablenkung von meinen Sorgen. Dennoch sind meine beruflichen Pläne, Ziele für dieses Jahr mehr und mehr auf der Strecke geblieben. Gleichzeitig ist meine Unzufriedenheit gewachsen. Ständig habe ich mich in Aufs und Abs wiedergefunden, das Tal der Tränen war plötzlich mein regelmäßiger Begleiter. Ich dachte, ja, es ist gerade schwer, aber wenn ich einfach weitermache, wird auch alles wieder besser.

Es hat ein halbes Jahr und viele Gespräche gebraucht bis ich endlich erkannt habe, dass ich einfach nicht akzeptieren wollte, dass ich gerade nicht okay bin. Dass das kein Wunder ist bei allem, was dieses Jahr war. Dass es okay ist mir das einzugestehen und auch diese Seite von mir so anzunehmen. Ohnmächtig, schwach, unruhig, wütend, angespannt wie ich mich oft gefühlt habe. Dass es okay ist, Hilfe anzunehmen, mir Unterstützung zu holen. Dieser Moment mit noch mehr Tränen hat mir vor allem eines gezeigt, wie wichtig es ist, mit mir ehrlich zu sein. Egal, ob im Guten oder im Schlechten. Und ganz plötzlich habe ich in den folgenden Tagen eine Ruhe gespürt nach der ich mich schon lange gesehnt hatte. Die Akzeptanz der Situation, von allem was in den letzten Monaten war und einen kleinen Neustart habe ich zusammen mit meinem Mann bei einer ganz persönlichen »Silvesterfeier« mit einem besonderen Abendessen besiegelt und damit am 1. November unser 2019 #2 gestartet.

Warum ich das heute teile? Zum einen ist die Resonanz auf das Thema The struggle is real so groß wie noch nie auf ein Thema. Was mir zeigt, wie wichtig es ist, dass wir offen darüber sprechen auch mal nicht okay zu sein. Zum anderen haben mich liebe Freundinnen darin bestärkt diese Erfahrung mutig zu teilen. Weil ich denke, dass ich damit nicht alleine bin und sie mir gezeigt hat, wie wichtig es ist wirklich inne zu halten, auf sich selbst und die eigenen Gefühle zu achten, der Intuition zu vertrauen, sich Unterstützung zu holen und Hilfe anzunehmen. Zu akzeptieren »okay damit zu sein, gerade nicht okay zu sein«. Das macht das Leben einfacher und ich bin immer noch gut so wie ich bin.

Mit meinem neu gewonnenen Vertrauen in meine Intuition, mit Ruhe und Weitblick denke ich weiterhin groß und habe immer noch viel vor. Aber alles zu seiner Zeit und mit so viel Zeit, die es braucht. Denn das wichtigste, was wir haben, ist und bleibt unsere Gesundheit.

Wir struggeln alle

Das verbindet uns. Das lässt uns voneinander lernen. Egal, ob angestellt oder selbstständig, ob mit zwei oder zwanzig Jahren Berufserfahrung, ob solo-selbstständig, im Team arbeitend, ob mit oder ohne Kinder. Wir sind damit nicht allein und wir können uns untereinander austauschen. Mit Freund*innen, Kolleg*innen sein, Partner*innen oder einfach Gleichgesinnten, denen wir vertrauen.

Im gemeinsamen Austausch wurde schnell klar, dass wir alle struggeln. Das hat bei mir ein Gefühl von Verbundenheit ausgelöst. Diese Erinnerung hilft mir gerade in Momenten, in denen ich mich allein mit meinen Sorgen fühle, mich daran zu erinnern, dass ich ganz und gar nicht alleine bin. Es gibt immer jemanden, der*die mir zuhören kann, der*die ich um Rat fragen kann, der*die vielleicht ganz ähnliche Erfahrungen gemacht hat. So schwer es mir auch manchmal fällt, ich übe mich darin offen über mein Nicht-Weiterwissen zu reden. Genauso wie ich selbst offen bin für andere als Zuhörerin, in meiner Arbeit als Coach.

Loslassen

Auch wenn wir mal nicht weiterwissen, diese schlechten Tage gehören zum Leben dazu wie Klarheit, wie die guten Tage. Es sind die Facetten, die ein gutes Leben ausmachen. Mit etwas von allem, zu dem freudige, leichte Erfahrungen genauso gehören wie die traurigen, schmerzvollen und wütenden. Diese Erkenntnis kann helfen ein Leben mit weniger Druck zu erfahren. Denn struggle bedeutet zu kämpfen, sich abzumühen, pure Anstrengung. Erst wenn wir aufhören ständig zu kämpfen, uns abzumühen, uns unter Druck zu setzen und stattdessen annehmen und loslassen, wird es leichter.

Achtsam sein

Das bedeutet auch achtsam mit uns selbst zu sein und uns zu fragen: Was brauche ich, was tut mir gut, um achtsam mit mir zu sein? Dir diese Fragen regelmäßig zu stellen und dich dabei ernst zu nehmen, dir das zu erlauben, ist denke ich ganz elementar. Denn nur so können wir ein für uns gutes Leben führen. Geht es dir gut, kannst du gut für andere da sein.

»Achtsamkeit (engl. mindfulness) ist ein Moment passiver Geistesgegenwart, in dem ein Mensch hellwach den gegenwärtigen Zustand seiner direkten Umwelt, seines Körpers und seines Gemüts erfährt, ohne von Gedankenströmen, Erinnerungen, Phantasien oder starken Emotionen abgelenkt zu sein, ohne darüber nachzudenken oder diese Wahrnehmungen zu bewerten.
Achtsamkeit kann demnach als Form der Aufmerksamkeit im Zusammenhang mit einem besonderen Wahrnehmungs- und Bewusstseins­zustand verstanden werden, als spezielle Persönlichkeitseigenschaft sowie als Methode zur Verminderung von Leiden (im weitesten Sinne).«

Verletzlichkeit akzeptieren

Die größte Hürde für mich war meine Verletzlichkeit zu akzeptieren, diese nicht als Schwäche zu sehen, sondern ganz im Gegenteil als Stärke von mir anzuerkennen. Etwas, was ich bei anderen selbstverständlich mache. Bei mir selbst aber musste ich erst einmal meine eigene Erwartungshaltung hinterfragen und neu sortieren, bevor ich den offenen Umgang mit meiner Verletzlichkeit als mutig ansehen konnte.

Ich habe das Gefühl, seit ich meine Verletzlichkeit einmal angenommen habe, hilft mir das jede neue Herausforderung, ob klein, ob größer, anzunehmen, anfangs zu ahnen, dann mehr und mehr zu wissen, damit umgehen, weitermachen zu können. Dieses Wissen und das Vertrauen, welches daraus entsteht, macht es von Mal zu Mal leichter und nimmt die Schwere.

Bewegung ins Leben bringen

Druck entsteht auch, sobald wir immer glücklich sein wollen. Aber es gibt kein perfektes Leben. Perfektionismus ist ein unmögliches Ziel. Wie kann etwas perfekt sein, wenn es den Anspruch gibt immer besser zu sein? Das ist einfach nicht möglich und baut vor allem eines auf – immer mehr Druck und gefühlten Stillstand. Lassen wir den Perfektionismus ziehen und konzentrieren uns stattdessen auf gut ist genug, können wir uns einer großen Last entledigen.

Also raus aus dem scheinbar endlosen Gedankenkarussell und stattdessen ins Tun kommen: anfangen, an dich glauben, einfach mal etwas für dich machen. Bewegung in dein Leben bringen und weniger müssen, mehr wollen.

Die lieben Vergleiche

Mal ehrlich, tun dir Vergleiche auf Social Media gut oder belasten sie dich mehr? Wir würden besser daran tun, alles zu lassen, was uns stört. Nur ist das wenig realistisch und es geht vielmehr darum, sich dessen bewusst zu sein, eine Entscheidung zu treffen, es zeitweise nicht zu tun, aber nicht unbedingt für immer darauf zu verzichten. Sondern viel mehr sich auf den Prozess einzulassen und einen gesunden Umgang damit zu lernen, auch mit regelmäßigen Auszeiten. Das gilt auch für andere Bereiche des Lebens, die eine zeitweise Belastung für uns sind. Triff die Entscheidung und übe dich im Loslassen. Das braucht Zeit, das braucht Übung.

Was tun bei Orientierungslosigkeit?

Was du bei Orientierungslosigkeit ausprobieren kannst: Reize von außen reduzieren und dich fragen, was kann ich, was will ich, was ist mir wichtig?
Das kann eine Auszeit sein, eine längere Zeit, in der du bewusst offline gehst. Mit der Konzentration auf genau diese eine Sache.

Und vielleicht gehörst du einfach auch zu den Menschen, die nicht die eine Berufung haben. Alles gut.

Denn was bedeutet Erfolg für dich? Ganz ehrlich und ohne die Erwartungshaltung der Gesellschaft. Was hat für dich wirklich Priorität? Was macht dir Freude? Im Hier und Jetzt und nicht erst irgendwann.

Für mich ist Erfolg meine Vorstellung von Lebensqualität zu erfahren. Das heißt mein Leben so zu gestalten, wie ich es mir vorstelle. Nach meinen Werten wie Achtsamkeit, Freiheit und Gesundheit zu leben. Sinnvoll und nachhaltig zu wirken. Das ist mir wichtig, das gibt mir Orientierung. Klar ist, dass das nicht immer nur rosig ist, mal besser, mal schlechter funktioniert, aber mit kleinen und manchmal auch großen Schritten immer noch mehr Raum in meinem Leben einnimmt. Wie gesagt, die Aufs und Abs gehören genauso zum Leben.

Erfahrungen und Lösungen teilen

Die eigenen Erfahrungen und Lösungen zu teilen ist wertvoll. Wenn ich eine Erfahrung teile, aus der ich gelernt habe, die ich für mich gelöst habe, die dadurch auch nur einer anderen Person weiterhilft, ist das verdammt wertvoll. Das brauchen wir, die Offenheit, die Ehrlichkeit, den Mut für uns selbst und für andere. Für eine wertschätzende, tolerante, vielstimmige Gesellschaft.

Okay zu sein, auch mal nicht okay zu sein, gehört zu unserem Leben

Es geht darum zu lernen, wie wir damit umgehen können und nicht darum nie wieder festzustecken. Dabei hilft uns Achtsamkeit. Bewusst handeln und sein im Hier und Jetzt. Unsere Verletzlichkeit anzunehmen. Bewegung in unser Leben zu bringen und weniger müssen, mehr wollen. Um in unserer schnelllebigen Gesellschaft zurecht zu kommen und ein gutes Leben zu haben. Ein Prozess, der seine Zeit und Ruhe braucht, sowie eine Portion Geduld.

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